Labyrinthstudien von Karl Kerényi
Akademische Verlagsanstalt Pantheon  Amsterdam/Leipzig 1941

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In unserem Buch: Auf den Spuren der Rosenkreuzer - Der Schloßpark zu Machern, zitieren wir unter anderen Karl Kerényis oben genanntes Werk.
6 Teil, Die eleusinischen Mysterien, Kapitel: versinken – entfliegen, Seite 139. Wir zitierten von Kerényi folgenden Text von Euripides, einem griechischen Dichter, geb. ca. 480/484 v. Chr.
Euripides hat in einem Chorlied, das Kerényi so auffaßt, daß es mit dem Labyrinth-Erlebnis im Zusammenhang steht, folgendes niedergeschrieben:

Versinken – entfliegen

„Man habe es hier mit einer lyrischen Äußerung des Dichters (Euripides) zu tun, die zur Situation im Drama gar nicht paßt, schreibt Kerényi. Frauen von Trozen singen diese merkwürdige Strophe im Hippolytos, deren inneren Zusammenhang Wilamowitz ebenfalls sowenig erkannt hat, wie den Zusammenhang mit der vorausgehenden Handlung.
… Er, der Dichter, möchte „von hinnen sein“, wie Wilamowitz die Grundstimmung des Liedes richtig wiedergibt. Was dem großen Philosophen so euripideisch-individuell und fast romantisch-lyrisch vorkommt, das ist gerade das Ewig-Urtümliche, das immer und überall wieder auftauchende Urmythologische, dessen vornehmliche Hüter nach Euripides Auffassung die Frauen sind. In tiefen Höhlen möchte der Chor verschwinden“.

So jedenfalls schreibt dies Kerényi und bringt dann anschließend in griechischer und deutscher Übersetzung das besagte Chorlied. Lesen wir um was es sich da handelt.

 „Wo ein Gott mich befiedert
   Den Scharen der Vögel
   Des Himmels gesellte!
       Dann schwäng` ich mich über die wogende Salzflut
   Zu Adrias Küsten, Eridanos´ Strudel,
   wo Helios Töchter um Phaethon klagen:
   es rinnen die Tränen der Mädchen zum Meere
   gerinnen zu gleißendem Bernstein.
       Zum Garten der Götter,
   der Flug mir gelänge,
  
wo menschlichen Schiffern
   der Alte der Tiefe
   zu fahren verwehrt,
   wo Atlas die Grenzen des Himmels behütet,
   und Hesperos´ Töchter die güldenen Äpfel.
       Da steht der Palast, wo der König der Götter
       die Hochzeit begangen, da sprudelt der Nektar,
       da spendet die Erde, die ew`ge, den Göttern
       die Speise des seligen Lebens.

Soweit der Text besagten Liedes. Kerényi bringt diesen Text in Zusammenhang mit dem Labyrinth aus dem die Frauen, wie Vögel gleich, entfliegen wollen. Ja, sicher, aber wohin wollen sie fliegen, sie wollen nicht in ein, dem Dichter unbekanntes, himmlisches Reich fliegen, nein, sie wollen nach Atlantis.

Wollen wir nun  den Text genauer unter die Lupe nehmen und nachweisen, daß, lange bevor Plato in seinem Atlantis-Mythos im Timaios und Kritias Details von der sagenhaften Insel Atlantis berichtet, Euripides darüber schon Kenntnis hatte.

Von Platon selbst konnte er diese wichtigen Informationen über Atlantis nicht haben, als Euripides starb, war Plato gerade mal ca. 22 Jahre alt. Und da Plato, nachweislich erst im hohen Alter, er wurde immerhin um die 80 Jahre alt, in seinen beiden oben genannten Werken über Atlantis Bericht gab, muß Euripides eine wesentlich ältere Quelle zur Verfügung gestanden haben.

Die Detaills des Liedes sind jedenfalls sehr aufschlußreich und lassen keinen Zweifel aufkommen um was es sich hier handelt wenn man sich vorher ausreichend mit der vorhandenen Atlantis Literatur beschäftigt hat, sonst wird man diesen Text nicht richtig einordnen können! Jedenfalls irrte Kerényi als er meinte, dieser Text sei ein klassischer Labyrinth-Text, eine mystische Todes-Flucht aus dem Labyrinth hinaus.

 …Dann schwäng ich mich über die wogende Salzflut: Damit ist der Ozean, der Atlantik gemeint.
…Eridanos´Strudel: der sagenumwobene Bernsteinfluß aus dem die Atlanter Bernstein gewannen.
…wo Helios Töchter um Phaethon klagen: Hier wird genau der Punkt angegeben wohin die Frauen wollen, dort wo der Komet einschlug, dort wo der Sage nach Phaethon durch den Blitz des Zeus niederstürzte. Das ist der Komet, der Atlantis zerstörte und zur Sintflut führte.
Es wird ja auch gesagt, daß der Bernstein die Tränen von Helios Töchtern sind.
Zum Garten der Götter: Auch hier wird wieder Bezug auf Atlantis genommen auf die paradiesischen Zustände auf dieser Insel.
…wo menschlichen Schiffern der Alte der Tiefe zu fahren verwehrt: In seinem Bericht über Atlantis erwähnt Platon genau diesen Sachverhalt, daß man nämlich, nachdem Atlantis unterging dieses Meer nicht mehr befahren kann weil es völlig verschlammt sei.

Und der Alte der Tiefe ist Poseidon. Er selbst verweht den Schiffern die Überfahrt über seine untergegangene Insel.
…wo Atlas die Grenzen des Himmels behütet, und…: Wieder können wir diese Tatsachen und die entsprechende Erklärung bei Platon finden. Er, oder besser der alte ägyptische Priester spricht über Atlas und von Hesperos Töchtern, von dem gewaltigen Palast wo der König der Götter residierte, wo Nektar aus der Erde sprudelte, wo einige Zeitlang das Paradies auf Erden war.

Somit erbringt Euripides selbst den Beweis, daß die Atlantis Geschichte zu mindestens auch ihm bekannt war bevor sie Platon hören konnte! Das ist eine eindeutige Befundlage!
Woher Euripides über Atlantis so genau Bescheid wußte ist nicht geklärt. Jedenfalls ist die allgemeine Behauptung, daß die Menschheit erst durch Platon von Atlantis erfuhr, nicht zutreffend.
Aber im Sinne des griechischen Dramas lag es wohl, altes Wissen, das bestimmt nur innerhalb der Mysterien weitergereicht wurde für die Allgemeinheit, für die profanen Zuschauer, nicht aussterben zu lassen und es in Form eines Liedes, vorgetragen durch einen Chor, wieder ins Bewußtsein zu bringen. Somit wird sich wohl Euripides auch dessen bedient haben. Warum aber Kerényi aus diesem Text einen (nur) Labyrinth-Text machte ist nicht nach zu vollziehen, jedenfalls hat er den Text, meiner Auffassung nach, falsch interpretiert. 

Ich persönlich neige zu der Auffassung, daß Euripides in die Mysterien eingeweiht war, und in seiner Dichtung auch diesen Mysterien-Inhalt verarbeitet hat, sonst hätte er keinen Zugang zu diesem Wissen gehabt.

F.H. 2014

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